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Gastronomie Insolvenz 2025 — die aufgeschobene Welle aus der Coronazeit

2025 wird das höchste Insolvenzjahr der deutschen Gastronomie seit 10 Jahren. 2.544 beantragte Verfahren — Index 156. Die Erklärung liegt nicht in 2025, sondern in der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht von 2020. Drei Früh-Signale zeigen, ob dein Betrieb betroffen ist.

Michael Krause
Michael Krause
9 Min. Lesezeit
Gastronomie Insolvenz 2025 — die aufgeschobene Welle aus der Coronazeit

2020 meldeten weniger Restaurants Insolvenz an als in einem normalen Jahr.

Damals hieß es: Die Branche hält zusammen. Die Staatshilfen wirken. Wir kommen da gemeinsam durch.

In Wirklichkeit wurde die Rechnung nur aufgeschoben.

Wer heute auf die Zahlen für 2025 schaut, sieht keinen plötzlichen Krisenausbruch. Er sieht das, was 2020 nicht passieren durfte — und jetzt nachgeholt wird. Bis November 2025 wurden in Deutschland 2.314 Insolvenzverfahren im Gastgewerbe beantragt. Das sind 25,8% mehr als im Vorjahreszeitraum (Quelle: DEHOGA Zahlenspiegel Q4-2025).

Hochgerechnet aufs Gesamtjahr landen wir bei rund 2.544 beantragten Verfahren. Index 156, gemessen am Normaljahr 2019. Das ist nicht "etwas mehr". Das ist die höchste Zahl seit mindestens einem Jahrzehnt.

In diesem Artikel zeige ich dir, warum 2025 so aussieht wie es aussieht — und welche drei Signale du in deinem eigenen Betrieb sofort prüfen solltest.

Was du mitnimmst

PunktKernaussage
Mechanik2020 wurde die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt — rund 1.000 Betriebe blieben künstlich offen
VerschiebungWas 2020 nicht angemeldet wurde, kommt 2024/2025 ans Licht
Index 2025156 (vs. 100 im Normaljahr 2019) — höchster Stand seit 10 Jahren
BegriffBeantragte Insolvenzverfahren — nicht jedes wird auch eröffnet
Früh-SignaleLiquidität < 4 Wochen, Umsatzrückgang ohne Saison, Lieferanten-Vorkasse
Handlung13-Wochen-Cashflow + professionelle Beratung einschalten

Die Mechanik: warum 2020 das ruhigste Insolvenzjahr seit Jahren war

Im März 2020 hat die Bundesregierung die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt.

Normalerweise gilt: Wer als Unternehmer zahlungsunfähig ist, muss binnen drei Wochen Insolvenz anmelden. Wer es nicht tut, macht sich persönlich haftbar — bis hin zur Strafbarkeit.

Diese Pflicht war von März 2020 bis April 2021 ausgesetzt. Mit Pausen und Sonderregeln zwar, aber im Kern: Wer pleite war, durfte weitermachen.

Das Ergebnis liest sich heute wie ein Wunder. 2019 wurden in der deutschen Gastronomie rund 1.627 Insolvenzverfahren eröffnet. 2020 waren es nur etwa 620. Index 38 — also rund zwei Drittel weniger als normal (Quelle: DEHOGA Zahlenspiegel Q4-2019, Creditreform/CRIF).

Mitten in der schwersten Branchenkrise seit Generationen.

Klingt nach Solidarität. War aber Statistik.

Rund 1.000 Betriebe hätten 2020 nach normaler Rechtslage Insolvenz anmelden müssen. Sie haben es nicht gemacht — weil sie es nicht mussten. Sie blieben offen, bedienten Schulden weiter, nahmen Hilfen mit, hielten Mitarbeiter, kauften Ware ein.

Die Branche nennt sie heute „Zombiebetriebe". Wirtschaftlich tot, juristisch lebendig.

Die aufgeschobene Welle: was 2024 und 2025 wirklich passiert

Mit der Rückkehr der Antragspflicht im Mai 2021 ging es sofort wieder los.

2021: rund 1.050 Verfahren. Index 65. Die Normalisierung beginnt.

2022 und 2023: noch gedämpft. Energiehilfen, Überbrückungsgelder, reduzierte Mehrwertsteuer auf 7% — das System hielt die Zombies weiter am Tropf.

Dann kam 2024.

Erstmals lag die Zahl der beantragten Verfahren wieder über dem Niveau von 2019. Januar bis November 2024: rund 1.839 Anträge. Index 113 (Quelle: DEHOGA Zahlenspiegel, Creditreform-Auswertung).

Und 2025 zieht durch. Januar bis November 2025: 2.314 beantragte Verfahren. Plus 25,8% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr: rund 2.544. Index 156.

Zur Einordnung: 2019 — also vor Corona, in einem normalen Wirtschaftsjahr — lag die Zahl bei 1.627. Wir reden über rund 56% mehr Verfahren als in einem Normaljahr.

Wichtig: Wir sprechen hier über beantragte Insolvenzverfahren. Nicht jedes beantragte Verfahren wird auch eröffnet. Manche werden mangels Masse abgewiesen, manche enden in einem Sanierungsverfahren. Die echte Eröffnungsquote liegt erfahrungsgemäß bei 70-80%. Aber auch das ändert das Gesamtbild nicht.

Warum 2025 anders ist als 2009 oder 2015

Das ist nicht „nochmal eine schwere Phase". Das ist ein einmaliger Effekt — die statistische Nachholbewegung der Coronazeit, überlagert von vier strukturellen Belastungen, die alle gleichzeitig durchschlagen.

Erstens: Die Corona-Schulden laufen aus. KfW-Kredite, Stundungen mit dem Finanzamt, Mietrückstände, Pachtstundungen. Was 2020/2021 verschoben wurde, wird 2024/2025 fällig.

Zweitens: Mehrwertsteuer-Rückkehr auf 19% im Januar 2024. Für viele Speiserestaurants ein Margenschock von 12 Prozentpunkten, der durch Preiserhöhungen nur teilweise weitergegeben werden konnte.

Drittens: Mindestlohn-Schock. Drei Erhöhungen zwischen 2022 und 2024 haben die Personalkosten in der Branche um rund 30% nach oben getrieben — gerade in einem Geschäft, in dem Personal 30-40% vom Umsatz frisst.

Viertens: Energiekosten dauerhaft höher. Gas, Strom, Lebensmittel-Einkauf. Die Spitze ist vorbei, das Niveau bleibt.

Und über allem schwebt die Umsatz-Realität. Die deutsche Gastronomie liegt nominal nur etwa 8,5% über dem Niveau von 2019 — bei einer Gesamt-Preissteigerung von rund 31% in derselben Zeit (Quelle: Statistisches Bundesamt, DEHOGA-Auswertung). Real ist die Branche also deutlich kleiner als vor Corona.

Wer das verstanden hat, hört auf zu fragen „Warum kommen jetzt so viele in Schieflage?". Die richtige Frage ist: Warum nicht noch mehr.

Die Zombiebetriebe sind nicht alle „schlechte Wirte"

Ein Punkt, der mir wichtig ist.

Wenn ich in Beratungen sitze und über diese Zahlen spreche, höre ich oft: „Naja, das sind halt die, die's nicht können."

Falsch.

Viele Gastronomen, die 2024 oder 2025 in die Schieflage geraten sind, waren handwerklich top. Gutes Produkt. Treue Stammkundschaft. Ehrliche Zahlen vor Corona. Und trotzdem in Schieflage.

Nicht weil sie ihren Job nicht können. Sondern weil das Geschäftsmodell der klassischen Vollservice-Gastronomie strukturell aus der Balance gekippt ist. Personalintensiv, margenschwach, kapitalarm. Wer da mit Schulden aus 2020 reingeht und dann gleichzeitig MwSt-Rückkehr, Mindestlohn-Sprung und Energie-Schock verarbeiten soll — der hat ein Mathe-Problem, kein Charakter-Problem.

Das soll nicht beschönigen. Aber es soll dir die Brille richtig aufsetzen, wenn du selbst in den Zahlen liest.

Drei Signale, bei denen du sofort handeln solltest

Wenn du dein eigenes Restaurant gerade durch diesen Artikel mit Sorge betrachtest — gut. Sorge ist der Anfang von Klarheit. Panik ist es nicht.

Diese drei Signale solltest du heute ehrlich prüfen:

1. Liquidität unter 4 Wochen Betriebskosten. Wenn du nicht weißt, wie lange dein Konto die laufenden Fixkosten — Miete, Personal, Wareneinsatz, Energie — ohne neue Einnahmen tragen würde, hast du das erste Problem schon. Vier Wochen sind das absolute Minimum. Drei Monate wären der Komfortbereich.

2. Umsatz seit drei Monaten rückläufig — ohne Saisonbegründung. Ein schwacher Februar ist normal. Drei schwache Monate hintereinander, die sich nicht durch Saison, Wetter oder ein konkretes Ereignis erklären lassen, sind ein strukturelles Signal.

3. Lieferanten verlangen Vorkasse. Wenn dein Getränkelieferant oder Frische-Großhandel plötzlich nicht mehr auf Rechnung liefert, hat irgendjemand bei einer Wirtschaftsauskunft etwas gesehen, was du vielleicht selbst noch nicht weißt. Das ist ein Früh-Indikator, der ernster ist als jede Bilanz.

Triff einen dieser Punkte voll, hast du noch Zeit. Triffst du zwei, ist die Zeit knapp. Triffst du alle drei, ist heute der richtige Tag für das erste Beratungsgespräch.

Was du jetzt konkret tun solltest

Drei Schritte, in dieser Reihenfolge:

Schritt 1: 13-Wochen-Cashflow erstellen. Nicht Buchhaltung. Cash. Was kommt rein, was geht raus, wöchentlich aufgeschlüsselt für die nächsten 13 Wochen. Das ist das einzige Steuerungsinstrument, das dir in einer angespannten Lage wirklich hilft. Eine Excel-Tabelle reicht. Eine Stunde Arbeit. Du wirst dich fragen, warum du das nicht längst gemacht hast.

Schritt 2: Beratung einschalten — JETZT. Nicht wenn das Konto leer ist. Sondern wenn die Zahlen zeigen, dass es in 8-12 Wochen leer sein könnte. Wer drei Monate vor dem Engpass anruft, hat die meisten Optionen. Wer wartet, bis die Mahnung kommt, zahlt mit Optionen.

Schritt 3: Gläubigergespräche bevor die Zahlen kritisch sind. Banken, Vermieter, Finanzamt, Lieferanten. Wer drei Monate vor dem Engpass freiwillig anruft und einen Plan auf den Tisch legt, wird anders behandelt als der, der nach der dritten Mahnung anruft. Das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Es ist nicht die schlechte Lage, die Gläubiger hart macht. Es ist das späte Reden.

Mysterium-Hook: was 2020 wirklich bedeutete

Eine Beobachtung zum Schluss, die mir nicht aus dem Kopf geht.

2020 war das Jahr mit den wenigsten Restaurant-Insolvenzen seit Jahren.

Niemand hat damals erklärt, was das wirklich bedeutete. Die Politik feierte die Zahlen als Erfolg ihrer Hilfsprogramme. Die Branchenverbände waren erleichtert. Die Banken hielten still.

Heute, fünf Jahre später, sehen wir die Rechnung. Und die Frage, die sich daraus stellt, ist viel größer als nur Insolvenzen: Wann genau eine künstlich am Leben gehaltene Branche zur normalen Marktdynamik zurückkehren muss — und wer dabei den höchsten Preis zahlt — das ist ein Thema, das ich regelmäßig im Newsletter behandle.

Häufige Fragen

Wie viele Gastronomie-Insolvenzen gab es 2025 in Deutschland?

Bis November 2025 wurden 2.314 Insolvenzverfahren im Gastgewerbe beantragt — 25,8% mehr als im Vorjahreszeitraum. Hochgerechnet aufs Jahr ergeben sich rund 2.544 Verfahren (Quelle: DEHOGA Zahlenspiegel Q4-2025).

Warum waren 2020 so wenig Insolvenzen, obwohl die Pandemie war?

Die Bundesregierung hat die Insolvenzantragspflicht von März 2020 bis April 2021 ausgesetzt. Betriebe, die normalerweise hätten anmelden müssen, durften weitermachen. Statt rund 1.627 Verfahren wie 2019 gab es nur etwa 620.

Was ist der Unterschied zwischen beantragten und eröffneten Insolvenzverfahren?

Beantragt heißt: Der Antrag liegt beim Amtsgericht. Eröffnet heißt: Das Gericht hat das Verfahren auch tatsächlich eröffnet. Manche Anträge werden mangels Masse abgewiesen. Erfahrungsgemäß werden 70-80% der Anträge auch eröffnet.

Ist 2025 ein einmaliger Effekt oder geht das so weiter?

Vieles spricht dafür, dass 2025 das Spitzenjahr ist. Die aufgeschobenen Corona-Effekte, die MwSt-Rückkehr und die Mindestlohn-Sprünge sind Einmaleffekte. 2026 sollte sich das Niveau wieder normalisieren — auf einem höheren Sockel als 2019, aber unter dem 2025er-Spitzenwert.

Welche Betriebe sind besonders gefährdet?

Klassische Vollservice-Gastronomie mit hohem Personalanteil, Standorten in B- und C-Lagen, klassischer Speisekarten-Logik und ohne digitale Reichweite. Wer nur über Laufkundschaft und Stammgäste lebt und keinen aktiven Marketing-Hebel betreibt, ist statistisch stärker betroffen.

Wie schnell muss ich handeln, wenn ich Sorge habe?

Schneller als du denkst. Drei Monate vor dem rechnerischen Engpass ist der richtige Moment für das erste Beratungsgespräch. Drei Wochen davor wird es eng. Drei Tage davor ist es zu spät für die guten Lösungen.

Was ist ein 13-Wochen-Cashflow?

Eine wöchentliche Aufstellung aller erwarteten Geldzuflüsse und -abflüsse für die nächsten 13 Wochen. Das wichtigste Steuerungsinstrument in angespannten Phasen — weil es zeigt, ob und wann das Geld knapp wird, lange bevor es passiert.

Fazit

2025 ist kein neues Krisenjahr. Es ist die statistische Nachholbewegung dessen, was 2020 und 2021 nicht passieren durfte.

Rund 2.544 beantragte Insolvenzverfahren im Gastgewerbe — Index 156, höchster Stand seit mindestens zehn Jahren. Das ist die Realität, in der dein Restaurant 2026 operiert.

Die gute Nachricht: Es ist eine sichtbare Welle, kein Überraschungsangriff. Wer die Früh-Signale kennt, hat Zeit. Wer den 13-Wochen-Cashflow führt, sieht das Problem rund 90 Tage vor allen anderen. Wer rechtzeitig professionelle Beratung einschaltet, verdoppelt seine Optionen, bevor sich die Türen schließen.

Wenn du gerade in einer angespannten Lage bist oder das Gefühl hast, dass dein Betrieb diese Welle nicht aus eigener Kraft übersteht, dann ist heute der richtige Tag für ein erstes Gespräch. Was in deinem Betrieb der schnellste Hebel ist, klären wir in einem kostenfreien Strategiegespräch.

Quellen

  • DEHOGA Zahlenspiegel Q4-2019: Insolvenzen Gastgewerbe 2019 (~1.627 eröffnete Verfahren)
  • DEHOGA Zahlenspiegel Q4-2025: Insolvenzen Gastgewerbe Jan-Nov 2025 (2.314 beantragte Verfahren, +25,8% YoY)
  • Creditreform/CRIF Insolvenzstatistik (via DEHOGA Research)
  • Statistisches Bundesamt: Umsatzentwicklung Gastgewerbe 2019-2025
  • BMJ: Gesetz zur Aussetzung der Insolvenzantragspflicht (COVInsAG), März 2020 bis April 2021

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